Zehn Gebote des Schreibens

1. "Ein Schriftsteller ist jemand der schreibt" – also schreib. Du hast keine Zeit? Du hast Zeit um vor dem Fernseher zu hocken, im Internet zu surfen, Freunde zu treffen? Dann hast du auch Zeit zum Schreiben.

2. Schreib jeden Tag. Schreiben ist "learning by doing". Leg dir ein Schreibheft zu. Wenn du beim Arzt sitzt, beschreib das Wartezimmer und den dicken Kerl neben dir, der so entsetzlich schnauft, dass du sicher bist, er verendet vor deinen Augen. Schreib im Bus. Die wacklige Alte mit dem roten Hütchen ist toll. Beschreib das Kopfsteinpflaster mit den Moosfetzen, den Himmel, die Häuser.Geh mit offenen Augen durch die Welt – und fasse sie mit Worten.

3. Senke deine Toleranzgrenze gegenüber Staub und Schmutz. Du sitzt am Schreibtisch und die Waschmaschine ist fertig, die Spülmaschine piepst, die Fenster sind schmierig und auf den Möbeln liegt Staub? Du hast die Wahl: Willst du ein perfektes Zuhause oder einen guten Text? Beides zusammen geht nicht. Wähl immer den Text. Außerdem: Wenn man den Staub in Ruhe lässt, passt er sich nahtlos ein.

4. Lies statt zu putzen. Oder sonst etwas Unnötiges zu tun. Lies, was dir unter die Finger kommt. Glaub nicht an ´U ` und ´E `, das ist eine Erfindung des Feuilleton.
Es gibt in jedem Genre gute Bücher und schlechte. Lies die guten, da willst du hin! Außerdem ist Mittelmäßigkeit ansteckend. Du hast keine Zeit zum Lesen? Tja, die liegt auch nicht rum. Es gibt auch keinen Gott, der dir Zeit schenkt, du musst sie dir schon stehlen.

5. Reduziere deine Fixkosten, denn du wirst nicht reich werden. Oder heirate einen reichen Witwer/ eine reiche Witwe. Er oder Sie sollten auf jeden Fall schon älter sein. Junge Partner fordern viel Zeit und die hast du nicht. Du musst ja viel lesen und noch mehr schreiben.

6. Deine Freundschaften werden sich von selbst reduzieren, denn du wirst einsilbig und ungesellig werden. Kein Wunder, wenn man hauptsächlich im eigenen Kopf lebt. Nimm es hin, das ist der Preis.

7. Trau dich. Trau dich Dinge zu schreiben, die andere sich nicht einmal zu denken trauen. Vertrau dir. Wenn du etwas wirklich ungewöhnlich und spannend findest, wird es deine Leser wahrscheinlich auch interessieren – so ungewöhnlich bist du nämlich nicht.

8. Liebe deine Arbeit. Auch wenn du vor deinem Computer sitzt und er schwarz wird, weil dir seit einer halben Stunde nicht ein einziger guter Satz einfällt. Auch wenn du gerade deine Bankauszüge gelesen hast. Oder deine Katze auf die Tastatur gekotzt hat und du nicht sicher bist, ob sie nicht vielleicht doch lesen kann …

9. Liebe deine Verben. Das Verb gibt den Takt vor und setzt die Stimmung. Gib dich nie mit dem erstbesten zufrieden. "Er geht" – aber wie? Er kann eilen, rennen, laufen, marschieren, stiefeln, stapfen, trotten, traben, schleichen, tänzeln, staksen, trödeln, schlurfen, watscheln, trippeln oder hinken. Um nur einige Gangarten zu erwähnen. Aber denk daran, es geht nicht um größtmögliche Originalität, sondern um größtmögliche Genauigkeit. Je mehr Ausdruck im Verb liegt, je treffender es ist, desto lebendiger und interessanter der Satz. Ein blasses Verb tötet den Satz. Überhaupt: Liebe die Worte, sie enthalten die Welt.

10. Ein Schriftsteller ist jemand der schreibt.