Das Geschichten-Erzählen ist wahrscheinlich so alt wie die Entdeckung des Feuers. Und genauso bedeutsam.
Unsere Ahnen waren Jäger und Sammler. Die Jagd war kein Zeitvertreib wie heute, sondern die Grundlage des Überlebens. Für jeden Einzelnen und für die Sippe. Sie war voller Gefahren und entschied über Leben und Tod der Daheimgebliebenen.
Oft genug werden unsere Vorfahren mit knurrenden Mägen um das Feuer gesessen haben, während die Jäger erzählten: Wie das erste Beutetier ihnen entkommen war. Oder dass es so groß war, dass die Jäger zu Gejagten wurden. Sie erzählten, wie die Götter ihnen den Erfolg neideten, von plötzlich aufkommenden Stürmen, Wasser, die über die Ufer traten oder umstürzenden Bäumen, die sie um die Beute gebracht hatten.
An besseren Abenden, wenn sich alle satt und zufrieden in der Wärme des Feuers räkelten, erzählten die erfolgreichen Jäger, was sie gesehen und gehört, wie sie die Spur der Beute aufgenommen, und unter welchen Gefahren sie diese mit ihren primitiven Waffen erlegt hatten – und ihre Zuhörer lauschten atemlos und voller Bewunderung.
Vielleicht konnte einer von ihnen besonders gut erzählen, vielleicht konnte er die realen Gefahren noch um ein paar erfundene bereichern und das Ansehen der ganzen Jägertruppe wuchs. Man feierte ihn, und vielleicht stieg er bald zur Nummer eins unter den Geschichtenerzählern auf.
Ich war nicht dabei, ich habe das alles nur erfunden. Aber ich glaube, es waren die alltäglichen Erlebnisse, die zu den Geschichten geführt haben, die an den Lagerfeuern unserer Vorfahren die Runde machten. Es gab Helden und Schurken, und immer wurden Konflikte ausgetragen: um Nahrungsmittel, um Territorien, um das richtige Verhalten, die richtigen Götter. Alles Dinge, mit denen sich die Literatur seitdem tausendfach beschäftigt hat.
Unser Feuer wurde zur Zentralheizung, aber wir brauchen es noch heute. Genau wie unsere Geschichten.